Die digitale Wand II

Flatscreens mit Bildern der Medikamenten-Schächtelchen statt Regale; ein automatisiertes Warenlager, das Medikamente auf Knopfdruck in ein Ausgabefach befördert. Ich frage mich für einen Moment: «Warum nicht gleich einen Selecta-Automaten hinstellen?»

Als ich an die Reihe komme, werde ich gebeten, Platz zu nehmen. Die Apothekerin setzt sich ebenfalls hin und fragt mich zunächst, zu welchem Zweck genau mein Arzt die Präparate verschrieben hat. Sie vergewissert sich, dass sie meine Angaben richtig versteht und erklärt mir daraufhin, wie eine optimale Aufnahme der Wirkstoffe erreicht wird. Ihre Erklärungen sind präzise und ergänzen die vom Arzt erhaltenen Instruktionen in entscheidenden Punkten: Das vom Hersteller kürzlich modifizierte Brause-Präparat bleibt nach der Auflösung im Wasser nur kurz stabil und muss darum sofort als Ganzes eingenommen werden. Die Nebenwirkungen einer konzentrierten Aufnahme des Wirkstoffs müssen in Kauf genommen werden, um den erwünschten Effekt zu erzielen. Ich frage zurück, ob es, um die Nebenwirkungen zu verhindern, nicht möglich wäre, die Brausetabletten vor dem Auflösen zu zerteilen und über den Tag verteilt einzunehmen. Nein, weil auf diese Weise kein kritischer Wirkstoffspiegel erreicht wird.

Während die Apothekerin – sie hätte auch eine gute Lehrerin abgegeben – mit ihren Fingern Kurvendiagramme aufzeichnet, beobachtet sie, ob ich ihr folgen kann. Als ich merke, dass sie das Beratungsgespräch abschliesst, stelle ich mich aus Gewohnheit darauf ein, nochmals drei Minuten an der Theke auf die Medikamente zu warten. Aber schon hält die Apothekerin die verschriebenen Präparate aus dem Medikamentenapparat in den Händen und überreicht sie mir.

Ich bin beeindruckt – vom besten Beratungsgespräch, das ich je in einer Apotheke erlebt habe, und davon, dass mein Besuch trotz Hinsetzen nicht länger gedauert hat als gewohnt. Wichtiger noch: Mir wurde – so deutlich wie noch nie – bewusst gemacht, warum da kein Selecta-Automat stehen sollte.

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